Lila, Lila - Suters Roman zum Literaturbetrieb

2009 mit Daniel Brühl als David Kern verfilmt

Cover Lila, Lila - Diogenes Verlag
Cover Lila, Lila - Diogenes Verlag
Die Liebe verführt David Kern dazu, ein fremdes Manuskript als eigenes auszugeben. Aus dieser Entscheidung konstruiert Suter in Lila, Lila den Roman einer Identitätskrise

David jobbt als Kellner. Darauf legt er großen Wert. Er ist kein Kellner, er jobbt nur als Kellner. Die Antwort darauf, was er eigentlich ist, bleibt er sich und anderen schuldig. Als ihm Marie, die Liebe seines Lebens durch die Lappen zu gehen droht, weil sie in ihm nur den unbeholfenen Jungen hinter dem geschickten Kellner sieht, begeht er den Fehler seines Lebens: Mit Hilfe eines in einem gebrauchten Nachttischchen gefundenen Manuskriptes verschafft er sich die literarische Aura, die er braucht, um Maries Interesse zu wecken. Sie verliebt sich in David und damit beginnt seine Identitätskrise. Liebt sie ihn oder liebt sie den Autor des gefundenen, des gestohlenen Manuskripts? Denn so fühlt sich David spätestens nach der von Marie eingefädelten Veröffentlichung von Lila, Lila, als Dieb geistigen Eigentums.

Alfred Duster, der wirkliche Autor von Lila, Lila

Wirklich kompliziert wird die Angelegenheit für David, als der wirkliche Autor von Sophie, Sophie (so hieß das Originalmanuskript) auftaucht. Nicht Alfred Duster, wie es als Pseudonym auf dem Manuskript stand, sondern Jacky Stocker outet sich als der wahre Autor. Allerdings macht er seine Informationen nicht öffentlich, denn er will den Erfolg von Lila, Lila keinesfalls behindern, allerdings finanziell daran partizipieren. Jacky ist ein abgehalfterter Lebemann, der mit nun 70 Jahren im Männerheim wohnt und sich seine tägliche Ration Alkohol als unterhaltsamer Alter, an diversen Stammtischen in verschiedenen Kneipen, erschnorrt. In David sieht er die große Chance, seinen Lebensstandard auf seine alten Tage noch einmal auf das Niveau zu heben, das er sich immer gewünscht hat.

David, der sowieso ein schlechtes Gewissen hat und den der Erfolg mit Lila, Lila nur Maries wegen interessiert, gibt Jacky ohne Widerstand von seinen Einnahmen ab. Erst als Jacky sich zu einer Gefahr für seine Beziehung zu Marie mausert, beginnt er über Gegenmaßnahmen nachzudenken.

Martin Suters Blick ins Innenleben seiner Protagonisten

Nun ist der Plot dieser Geschichte – ein Wort dessen verlegerischen Missbrauch Suter genüsslich zelebriert – nicht so einzigartig, dass man dieses Buch unbedingt gelesen haben müsste. Die Art und Weise aber, in der Suter den Blick ins Seelenleben seiner Protagonisten eröffnet, das ist einmal mehr unvergleichlich. Allein für die Szene in der beschrieben wird, wie Jacky Stocker sich morgens im Männerheim auf seinen täglichen Kneipenfeldzug vorbereitet, lohnt das Lesen dieses Buches. Ganz zu schweigen von Davids Gefühlsleben, wenn all seine Routiniertheit Frauen gegenüber, im Angesicht seiner Liebe zu Marie, auf der Strecke bleibt.

Es gibt ja ein ganzes Genre von Büchern oder Filmen, die darauf aufgebaut sind, dass es anfangs ein Missverständnis oder, wie in diesem Fall, eine Lüge gibt und der Protagonist es nicht schafft, diese Lüge aus der Welt zu schaffen. Meist wird das auf die Dauer ziemlich unglaubwürdig, weil jedermann denkt, mit einem ordentlichen Gespräch wäre die Sache aus der Welt geschafft, allerdings der Story auch die Geschäftsgrundlage entzogen. Nicht so in Lila, Lila. Suter gelingt es glaubwürdig Davids Dilemma immer wieder als so unausweichlich darzustellen, seine Liebe zu Marie als so existentiell, dass man als Leser mit David leidet und ihm letztlich auch keinen Rat weiß. Würde es Maries Liebe wirklich aushalten, zu erkennen, dass sie auf einer Lüge aufgebaut ist?

Dieses Dilemma in dem David steckt, wird auch in der Verfilmung von Alain Gsponer mit Daniel Brühl in der Hauptrolle, zwar komödiantisch überzeichnet, aber nachvollziehbar transportiert.

Lila, Lila, eine Satire auf den Kulturbetrieb

Lila, Lila zeichnet sich auf ganzer Länge durch einen leichten, ein wenig ironischen Ton aus. Sehr leicht wird Suters Sprache dann, wenn er, ganz nebenbei, Verlagslandschaft und Kulturbetrieb kräftig durch den Kakao zieht. Der Verlagsleiter, der außer bei den monatlichen Verkaufsstatistiken, der geschriebenen Sprache wenig Bedeutung beimisst. Das Feuilleton, das sich wie im Affekt mit einem einmal einschlägig besprochenen Werk befasst und kettenreaktionsartig hymnische oder destruktive Kritiken absondert, je nach Standort des jeweiligen Blattes. Das bemühte Kulturleben auf dem flachen Lande, das unehrliche in der Stadt. All diese Facetten beschreibt Suter mit der Kennerschaft des gebrannten Kindes und der Sprachgewalt des Satirikers.

Trotzdem ist Lila, Lila ein unaufgeregtes Buch, das über weite Strecken liebenswerte Menschen beschreibt, die mit den eigenen Ansprüchen an ein glückliches und erfülltes Leben nicht klarkommen. Sie überfordern damit sich und ihre Partner, Freunde, die Familie. Wer kennt das nicht? Suter kennt es auch. Das spürt man, wenn man ihn liest.

Martin Suter: Lila, Lila. Diogenes Verlag, 2004. Taschenbuch, 345 Seiten, Euro 9,90

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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